
Der alte Bauer und das Pferd
Eine sehr alte chinesische Tao-Geschichte erzählt von einem Bauern in einer armen
Dorfgemeinschaft. Man hielt ihn für gut gestellt, denn er besaß ein Pferd, mit dem er
pflügte und Lasten beförderte. Eines Tages lief sein Pferd davon. Alle seine Nachbarn
riefen, wie schrecklich das sei, aber der Bauer meinte nur:
"Vielleicht, man soll niemals bewerten ob etwas gut oder schlecht ist".
Ein paar Tage später kehrte das Pferd zurück und brachte zwei Wildpferde mit. Die Nachbarn
freuten sich alle über sein günstiges Geschick, aber der Bauer sagte nur:
"Vielleicht. Man soll niemals bewerten, ob etwas gut oder schlecht ist.".
Am nächsten Tag versuchte der Sohn des Bauern, eines der Wildpferde zu reiten; das Pferd
warf ihn ab, und er brach sich ein Bein. Die Nachbarn übermittelten ihm alle ihr Mitgefühl
für dieses Mißgeschick und meinten er wäre ein armer alter Mann.Aber der Bauer sagte wieder:
"Vielleicht. Du sollst niemals bewerten, ob etwas gut oder schlecht ist".
In der nächsten Woche kamen Rekrutierungsoffiziere ins Dorf, um die jungen Männer zur Armee
zu holen. Den Sohn des Bauern wollten sie nicht, weil sein Bein gebrochen war.
Als die Nachbarn ihm sagten, was für ein Glück er hat, antwortete der Bauer.
"Vielleicht. Du sollst niemals bewerten, ob etwas gut oder schlecht ist....."
(Aus dem Chinesischen)
Diese Geschichte des alten Bauern und seinem Sohn und dem Pferd stellt für mich am allerbesten dar, was systemische Denkweise bedeutet. Und dies viel besser als jede systemtheoretische Beschreibung. Denn was sind die Prinzipien systemischen Denkens?
sich mit Bewertungen sehr zurück halten. Es gibt systemisch eben kein gut oder schlecht. Es gibt höchstens so etwas wie Zirkularität-
eins führt zum anderen. Und es kommt immer mehr ins Spiel. Will heißen, wir müssen mit Komplexität umgehen.
Es gibt immer mehr als nur eine einzige Perspektive. Also Mehrperspektivität und Reframing (Umdeutung) ist extrem bedeutsam.
Und vielleicht als Ressource ein großes Maß an Gelassenheit.
Das alles ist eine optimale Grundlage für gelungene Teamsupervision, wenn es gelingt konsequent an diesen Prämissen zu bleiben.
Befreiung
Supervisoren und Coaches werden meistens erst dann gebucht wenn es massive Probleme in Arbeitsgruppen gibt. Zumeist gibt es einen unbewussten Wunsch, daß der Supervisor die Lösung bringen soll.
Das ist natürlich Quatsch und funktioniert von aussen reingetragen fast nie. Trotzdem gibt es diese Sehnsucht. Beim Therapeuten wird es nicht anders sein.
Wenn ich als Supervisor oder Teamcoach nun die folgende Geschichte erählen würde und danach verschwinde, wäre das mal was völlig anderes (aber wahrscheinlich ist es dafür gut schon Euro-Millionär zu sein).
Ein Zen-Einsiedler saß am Ufer eines Flusses, als er von einem jungen Mann beim Zazen gestört wurde (dem Stillen Sitzen im Zen).
Der junge Mann kniete nieder und sagte:
"Meister, ich will euer Schüler werden."
"Weshalb?", fragte der Meister.
"Weil ich Befreiung finden will."
Da sprang der Meister plötzlich auf, packte den jungen Mann am Genick, zerrte ihn zum Fluß und hielt seinen Kopf unter Wasser. Der junge Mann zappelte, doch der Meister ließ nicht locker.
Nach einer Weile ließ er den jungen Mann endlich los. Der Mann spie Wasser aus, das er geschluckt hatte, und rang nach Luft. Minuten später hatte er sich beruhigt. "Was wolltest du am meisten, als ich deinen Kopf unter Wasser hielt?" fragte der Meister.
"Luft", sagte der junge Mann.
"Gut", sagte der Meister. "Geh dorthin zurück, wo du hergekommen bist, und komm dann wieder zu mir, wenn du die Befreiung genauso sehr willst, wie du eben Luft wolltest."
Na wenn alle so in Supervision oder Coaching kämen wäre Veränderung ganz easy kinderleicht.